Vor- und Nachteile beim Nassabspielen von Platten

Vor- und Nachteile beim Nassabspielen von Platten

Foto: Freepik/Ai generated

Das Verfahren, Platten mit einem zusätzlichen Nassläufer abzuspielen, erlebte seine Blüte in den 70ern, nachdem die schweizerische Firma Lenco Ende der 60er das erste Nassläufer-System namens LencoClean auf den Markt gebracht hatte. Später folgten weitere Hersteller; einige davon sind bis heute aktiv, im Vergleich zum Original allerdings mit zweifelhaftem Qualitätsverständnis. Die Funktionsweise ist denkbar einfach: ein Tonarm-ähnliches Gerät, in dem über ein Röhrchen mit leichtem Gefälle eine antistatische, chemisch neutrale Flüssigkeit an eine kleine Bürste weitergegeben wird, die dann die Plattenoberseite mit einem etwa fünf bis acht Millimeter breiten Film benetzt und wie ein Mitlaufbesen vor dem Tonabnehmer herläuft. Der wiederum tastet dann die Rille wie in einem Wasserbad ab. Nassläufer können je nach Bauart mit kleinen Tanks ausgestattet werden, damit sie nicht bei jeder Platte neu befüllt werden müssen.

Die Flüssigkeit selbst, die von Lenco zuerst vollmundig unter dem Begriff LencoClean, später als „Super Tonic“ vermarktet wurde, ist nichts anderes als eine Mischung aus destilliertem, also entmineralisiertem Wasser und Isopropanol, versetzt mit einem Duftstoff und einem Netzmittel zur Reduzierung der Oberflächenspannung. Letzteres wird in der Fotoentwicklung eingesetzt und ist prinzipiell eine Art Spülmittel. Es sorgt dafür, dass der Film gleichmäßig bleibt und nicht abreißt oder sich durch Fliehkräfte an die Seiten der Plattenrille legt. Der anfängliche Marketing-Stunt, der es Lenco ermöglichte, die Flüssigkeit als ein angebliches Wundermittel zu horrenden Preisen zu verkaufen, drehte sich bald ins Gegenteil, nachdem die Zusammensetzung von findigen Hobbychemikern bekanntgemacht wurde. Die Versprechen, die zumindest teilweise eingelöst wurden, waren knisterfreie Abtastung, geringerer Verschleiß der Nadel durch reduzierte Reibung und die Kühlung des Nadelträgers bei hochdynamischer Klanginformation.

Den Vorteilen steht eine Vielzahl von Nachteilen gegenüber: Nicht jeder Nadelträger hält der Einwirkung von Feuchtigkeit stand; nicht jeder Klebstoff, der die Nadelspitze auf dem Träger hält, ist resistent gegen den Alkohol in der Flüssigkeit. Hinzu kommt die einfache Tatsache, dass Staubpartikel in der Rille, die letztlich die Hauptursache für Knistern und Knacken sind, nicht beseitigt, sondern lediglich aufgeschwemmt werden. Nach der Abtastung legt sich die Brühe dann wieder in der Rille ab, trocknet aus und bleibt verhärtet als eine Art Schlacke auf der Platte. Eine Absaugung findet nicht statt. Das Ergebnis ist eine auf trockene Weise nicht mehr fehlerfrei abtastbare Rille. Dass die Flüssigkeit außerdem mit dem Material der Platte in eine chemische Reaktion tritt, ist indes eher unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Das hängt wiederum vom verwendeten Pressmaterial ab sowie von der Zusammensetzung des gelösten Staubs, der seinerseits ebenfalls chemische Reaktionen hervorrufen kann.

Bedeutet: Wenn eine Platte nicht selbst angegriffen wurde, kann eine aufwendige Reinigung später die Ablagerungen auch wieder lösen, wobei ihr mit einfachen Reinigungsgeräten nicht beizukommen ist und die Platten lange eingeweicht, ordentlich abgesaugt und eventuell noch mit Ultraschall behandelt werden müssen. Eine Erfolgsgarantie gibt es hier allerdings nicht, da man nie genau weiß, unter welchen Bedingungen und mit welchen Flüssigkeiten abgespielt wurde. Nasslauf-Fans haben hier immer wieder neue Rezepturen ausprobiert, zeitweise gab es darum eine regelrechte Alchemisten-Szene. Doch auch die Platte selbst, die Modulation der Rille, hat einen Einfluss darauf, ob sich entsprechende Verschmutzungen wieder lösen lassen: Hat man etwa Bereiche, in denen es sogenannte Unterschnitte gibt, also Rillenformen, die Überhänge haben, können sich die Partikel so verfangen, dass sie nie wieder herauszulösen sind. Die Konsequenz ist offensichtlich: Während ein Klanggewinn bei der Abtastung nicht wegzudiskutieren ist, verlieren nassgespielte Platten an Wert und taugen kaum noch als Sammelobjekt.

Beim heutigen kulturellen Stellenwert von Vinyl ist das ein Totschlagargument, das noch von anderer Seite befeuert wird: Moderne Plattenwaschmaschinen eignen sich hervorragend zur Intensivreinigung von Platten, und das Ergebnis ist dem eines Nassläufer-Systems zumindest ebenbürtig, auch wegen der fast rückstandsfreien Absaugung. Maschinen dieser Güte gab es damals noch nicht, weshalb Nassläufer-Systeme sicher eine Berechtigung hatten, heute aber eher obsolet sind und ja auch nur noch von wenigen Herstellern angeboten werden. Letztlich basiert die Entscheidung, ob man sich für ein Nassläufersystem entscheidet oder nicht, auf persönlichen Präferenzen. Gehört man zur Gruppe derer, denen guter, möglichst knisterfreier Klang über alles geht, wird man hier womöglich glücklich – man sollte aber zumindest den Anstand besitzen, beim Weiterverkauf einer Platte darauf hinzuweisen. Für den ahnungslosen Käufer ist es indes ein großes Ärgernis, beim ersten Anhören des neu erworbenen Schatzes festzustellen, dass die Platte vormals wohl nass abgespielt wurde. Leider lässt sich das anhand der Platte selbst nicht herausfinden, es sei denn, man nähme ein gutes Mikroskop mit auf den Flohmarkt.